Leere Kommissionierplätze gehören zu den klassischen Problemen im Lagerbetrieb. Besonders ärgerlich wird es, wenn ausreichend Bestand im Lager vorhanden ist, dieser aber nicht rechtzeitig dort ankommt, wo er gebraucht wird. In vielen EWM-Projekten hören wir dann Sätze wie: „Der Nachschub läuft eigentlich automatisch“ oder „Das haben wir so vom WM übernommen“. In der Praxis zeigt sich jedoch schnell, dass Nachschub im SAP EWM deutlich mehr ist als ein technisches Nebenbei-Thema.
Richtig konzipiert und sauber eingestellt wird der Nachschub zu einem entscheidenden Faktor für stabile Prozesse, kurze Wege und eine hohe Kommissionierleistung. Schlecht eingestellt sorgt er für Hektik, manuelle Eingriffe und vermeidbare Kosten.
Warum der Nachschub im EWM besondere Aufmerksamkeit verdient
Mit EWM hat SAP den Nachschub eng mit Lagerstrategien, Lageraufträgen und Ressourcensteuerung verzahnt. Der Nachschub entscheidet also nicht nur darüber, dass Ware bewegt wird, sondern auch wann, woher und in welchem Prozess. Gerade in Lagern mit hohem Durchsatz oder stark schwankendem Bedarf fällt sofort auf, ob diese Mechanik sauber abgestimmt ist.
In unseren Projekten sehen wir häufig, dass der Nachschub zwar grundsätzlich aktiviert ist, aber nicht aktiv gesteuert wird. Mindest- und Sollbestände werden einmal gepflegt und danach nie wieder hinterfragt. Das funktioniert so lange, bis das Geschäftsmodell sich ändert, neue Artikel hinzukommen oder das Volumen deutlich anzieht.
Geplanter Nachschub – die solide Basis für stabile Prozesse
Der planmäßige Nachschub ist die am häufigsten eingesetzte Variante im SAP EWM. Das Grundprinzip ist einfach: Sinkt der Bestand im Kommissionierfach unter einen definierten Mindestbestand, erzeugt das System automatisch eine Nachschubanforderung. Ziel ist es, den Bestand wieder auf einen Soll- oder Maximalwert aufzufüllen.
Technisch wird dieser Prozess über die Lagerstrategie und die zugehörige Lagerprozessart gesteuert. Die eigentlichen Schwellwerte – also Mindest-, Soll- und Maximalbestand – werden in der EWM-Sicht des Produktstamms oder lagerplatzabhängig gepflegt. Entscheidend ist dabei, dass diese Werte zur realen Entnahmemenge passen.
Ein typischer Fehler aus der Praxis ist, dass diese Parameter einmal während der Einführung definiert und danach nicht mehr angepasst werden. Ändert sich das Auftragsverhalten oder steigt die Pickfrequenz eines Artikels, reagiert der Nachschub entweder zu spät oder produziert unnötig viele Bewegungen. Beides kostet Zeit und Leistung im Lager.
Bedarfsorientierter Nachschub – wenn der Auftrag den Takt vorgibt
Deutlich dynamischer ist der bedarfsorientierte Nachschub. Hier orientiert sich das System nicht nur am aktuellen Bestand im Kommissionierfach, sondern am tatsächlichen Bedarf auch aus offenen Lageraufträgen. Erkennt das EWM, dass ein Auftrag nicht vollständig bedient werden kann, wird automatisch ein Nachschub angestoßen – bereits zu einer Zeit, bei welcher z. B. der Minimalbestand noch nicht erreicht wurde.
Diese Variante ist besonders interessant für Umgebungen mit stark schwankenden Mengen, Aktionsgeschäft oder E-Commerce-nahen Prozessen. Sie erfordert jedoch ein gutes Zusammenspiel zwischen Nachschubsteuerung, Lagerauftragsbildung und den Lagerauftragserstellungsregeln.
Aus Projektsicht ist das die anspruchsvollste Form des Nachschubs. Wenn Lageraufträge zu groß geschnitten sind oder die Lagerauftragserstellungsregeln nicht sauber greifen, kommt der Nachschub zwar theoretisch „bedarfsgerecht“, praktisch aber zu spät an. In solchen Fällen leidet die Kommissionierung spürbar, obwohl der Prozess auf dem Papier korrekt aussieht.
Manueller Nachschub – bewusst eingesetzt statt dauerhaft missbraucht
Auch im modernsten EWM-Lager gibt es Situationen, in denen ein manueller Nachschub sinnvoll oder sogar notwendig ist. Über den Lagerverwaltungsmonitor können Disponenten gezielt Nachschubanforderungen auslösen, etwa bei Engpässen, Störungen oder in der Anlaufphase neuer Artikel.
Problematisch wird es dann, wenn der manuelle Nachschub zur Dauerlösung wird. Das ist meist ein klares Zeichen dafür, dass der automatische Prozess nicht sauber eingestellt ist oder wichtige Stammdaten fehlen. In solchen Fällen empfehlen wir, den manuellen Nachschub bewusst als Ausnahmeprozess zu definieren und parallel die Ursachen im Customizing zu beheben.
Nachschub im Kontext von Wellen und Arbeitsvorräten
In leistungsstarken Lagern wird der Nachschub häufig nicht isoliert betrachtet, sondern in Wellen oder Arbeitsvorräte eingebettet. Der Nachschub wird dabei zeitlich geplant und gebündelt ausgeführt, was insbesondere in Hochregal- oder Automatiklagern deutliche Vorteile bringt.
Diese Variante reduziert Einzelbewegungen und sorgt für eine bessere Auslastung von Ressourcen. Voraussetzung ist allerdings, dass Wellenmanagement, Nachschubstrategie und Kommissionierprozesse sauber aufeinander abgestimmt sind. In der Praxis wird dieses Potenzial oft nicht ausgeschöpft, obwohl die technischen Möglichkeiten im EWM vorhanden sind.
Die entscheidenden Stellschrauben im SAP EWM
Aber wie stellt man denn nun den Nachschub im EWM-Lager überhaupt ein?
Zunächst müssen Sie im SPRO-Customizing festlegen, welche Nachschubstrategie in welchem Lagertyp verwendet werden soll. Hier kann auch eingestellt werden, welche Bestände in der Mengenberechnung berücksichtigt werden sollen, mit welcher Lagerprozessart der Nachschub durchgeführt werden soll und ob eine Lageraufgabe automatisch angelegt werden soll. Im Lagertyp selbst muss zudem festgelegt werden, ob der Nachschub auf Ebene von Fixlagerplätzen oder auf Lagertypebene durchgeführt werden soll. Je nachdem, welche Einstellung hier vorgenommen wird, müssen Minimal- und Maximalmengen entweder zum Fixlagerplatz oder im Produktstamm festgelegt werden. In der Lagernummersteuerung geben Sie außerdem an, welche Bestandsart für Nachschub genutzt werden soll. Meist wird hier der frei verfügbare Bestand gewählt.
Zudem ist es wichtig, die Belegart und den Positionstyp für den Nachschub zu definieren und eine Lagerprozessart für die Steuerung des Nachschubs anzulegen und einzustellen. Auch Lagerauftragserstellungsregeln spielen hier eine große Rolle und sollten richtig definiert werden.
Zuletzt ist ein aussagekräftiges Monitoring sinnvoll, das frühzeitig aufzeigt, wenn Nachschubprozesse ins Stocken geraten. Dann sollte nachjustiert werden.
Fazit: Nachschub ist kein Nebenthema, sondern Teil der Lagerstrategie
Ein gut eingestellter Nachschubprozess fällt im Tagesgeschäft kaum auf – und genau das ist sein größter Erfolg. Er sorgt dafür, dass Ware zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, ohne dass jemand aktiv eingreifen muss. In vielen EWM-Projekten liegt hier ein enormes Optimierungspotenzial, das mit überschaubarem Aufwand gehoben werden kann.
Wenn Sie vor der Herausforderung stehen, Ihre Nachschubprozesse im SAP EWM neu aufzusetzen oder bestehende Einstellungen kritisch zu hinterfragen, unterstützen wir Sie bei Flexus gerne. Mit unserer Projekterfahrung sorgen wir dafür, dass Nachschub nicht nur technisch funktioniert, sondern Ihr Lager spürbar entlastet. Sprechen Sie uns gerne an.
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