In vielen automatisierten Lagern ist die Materialflusssteuerung historisch gewachsen. Neben SAP EWM existiert häufig ein separater Materialflussrechner (MFR) – sei es als Eigenentwicklung des Anlagenbauers, als spezialisierte Middleware oder als proprietäre MFS-Lösung eines Drittanbieters.
Über die Jahre wurden Funktionen erweitert, Sonderprozesse ergänzt und neue Anlagenteile integriert. So entstanden komplexe, gewachsene Systemlandschaften, die häufig stabil laufen – und genau deshalb selten grundsätzlich hinterfragt werden. Die Haltung dahinter ist verständlich: „Never touch a running system.“
Doch was lange als pragmatische Lösung funktioniert hat, wird unter heutigen Anforderungen zunehmend zum Risikofaktor. Steigende Integrationsanforderungen, S/4HANA-Transformationen, neue Automatisierungstechnologien und wachsende Transparenz- und Performanceansprüche stellen diese historisch gewachsenen Architekturen auf den Prüfstand.
Die entscheidende Frage ist daher nicht mehr, ob eine Ablösung sinnvoll ist, sondern ob die bestehende Architektur den zukünftigen Anforderungen noch standhält.
Historisch gewachsene MFS-Landschaften – stabil, aber komplex
Viele proprietäre MFS-Lösungen sind in einer Zeit entstanden, in der SAP EWM MFS noch nicht die heutige Reife hatte. Der Materialflussrechner übernahm zentrale Aufgaben: die Verwaltung der Fördertechnik-Logik, Routenentscheidungen, Priorisierungen, Fehlerbehandlungen und die Kommunikation mit der SPS. SAP fungierte dabei häufig lediglich als auftragsgebendes System.
- Doppelter Logik (im MFR und im Lagerverwaltungssystem)
- Zahlreichen Schnittstellen
- Individuellen Erweiterungen
- Geringer Standardisierung
Was damals sinnvoll war, führt heute oft zu unnötiger Komplexität.
Typische Probleme proprietärer MFS-Lösungen
1. Hersteller- oder Dienstleisterabhängigkeit (Vendor Lock-in)
Das Know-how über die Materialflusslogik liegt häufig bei wenigen Spezialisten – oft sogar außerhalb des Unternehmens. Anpassungen sind aufwendig, teuer und mit langen Vorlaufzeiten verbunden. Gerade bei Erweiterungen oder Standortrollouts wird diese Abhängigkeit zum strategischen Risiko.
2. Hohe Schnittstellenkomplexität
- EWM ↔ Fremd-MFS: Kommunikation zwischen EWM und einem externen Materialflussrechner.
- Fremd-MFS ↔ SPS: Externer Materialflussrechner tauscht Signale mit der Speicherprogrammierbaren Steuerung aus.
- Teilweise zusätzliche Middleware: Eine weitere Zwischenschicht vermittelt Daten zwischen den Systemen.
- Synchronisationsproblemen
- Verzögerter Fehleranalyse
- Erhöhtem Testaufwand
- Unklaren Verantwortlichkeiten im Störfall
Jede zusätzliche Systemgrenze erhöht die Komplexität – und damit die Fehleranfälligkeit.
3. Geringe Transparenz im Materialfluss
- Aktuelle Anlagenzustände
- Routingentscheidungen
- Störungsursachen
- Priorisierungslogiken
Das erschwert Monitoring, Reporting und Prozessoptimierung erheblich.
Was bedeutet „EWM MFS im SAP-Standard“ konkret?
SAP EWM MFS ermöglicht die direkte Kommunikation mit der SPS, ohne externen Materialflussrechner. Die Materialflusslogik wird dabei innerhalb des SAP-Systems abgebildet.
- Telegrammkommunikation direkt aus EWM
- Routing- und Prozessentscheidungen im SAP-Kontext
- Einheitliche Datenbasis
- Zentrales Monitoring
Wichtig ist: „Standard“ bedeutet nicht „ohne Projektaufwand“. Auch im SAP-Standard müssen Prozesse konzipiert, getestet und optimiert werden. Der Unterschied liegt jedoch in der technischen Basis – sie ist integriert, releasefähig und langfristig wartbar.
Die Vorteile einer Ablösung
Die Umstellung auf SAP EWM MFS bringt mehrere strategische Vorteile.
1. Architekturvereinfachung
Der direkteste Effekt ist die Reduktion der Systemlandschaft. Ein externes MFS entfällt, die Kommunikationswege werden kürzer und Schnittstellen weniger. Jede Schnittstelle, die wegfällt, ist ein Testaufwand und eine Fehlerquelle weniger.
Das schafft nicht nur technische Klarheit, sondern auch organisatorische: Verantwortlichkeiten sind eindeutig zugeordnet und Zuständigkeiten im laufenden Betrieb klar geregelt. Eine vereinfachte Architektur reduziert somit Komplexität und langfristige Betriebskosten.
2. Mehr Transparenz und Steuerungsmöglichkeiten
Wenn Materialflussentscheidungen im SAP-System getroffen werden, stehen alle relevanten Informationen zentral zur Verfügung. Das erleichtert das Monitoring im Betrieb, beschleunigt die Analyse von Engpässen und vereinfacht die Performanceoptimierung. Auch die Fehlerdiagnose wird effizienter, da Ursachen nicht mehr systemübergreifend zusammengesetzt werden müssen.
3. Zukunftssicherheit und Skalierbarkeit
Mit SAP EWM MFS lassen sich neue Automatikbereiche, Shuttle-Systeme oder AMR-Lösungen in eine einheitliche Architektur integrieren.
Gerade im Kontext von S/4HANA-Transformationen wird die Konsolidierung der Systemlandschaft zu einem strategischen Vorteil.
4. Reduzierte Gesamtbetriebskosten
- Geringere Wartungskosten
- Weniger Spezialwissen außerhalb des Unternehmens
- Vereinfachte Releasewechsel
- Bessere Planbarkeit zukünftiger Erweiterungen
Dadurch sinken die langfristigen Betriebsaufwände und die Materialflusssteuerung lässt sich deutlich effizienter betreiben.
Herausforderungen bei der Umstellung
Eine Ablösung ist kein reines „Technik-Upgrade“. Es braucht eine detaillierte Analyse der bestehenden Materialflusslogik: Welche Logik ist im laufenden Betrieb tatsächlich aktiv und geschäftsrelevant? Gerade historisch gewachsene Sonderlogiken müssen identifiziert und kritisch hinterfragt werden. Nicht jede Altlogik sollte 1:1 übernommen werden – oft bietet die Umstellung die Chance zur Optimierung. Auf Basis dieser Analyse sind im nächsten Schritt die Schnittstellen sauber zu spezifizieren, um die Kommunikation mit der Steuerungstechnik stabil und konsistent abzubilden.
Darauf aufbauend ist eine klare Migrationsstrategie zu definieren: entweder als „Big Bang“, bei dem das Altsystem zu einem festen Zeitpunkt vollständig abgelöst wird, oder als schrittweise Umstellung, bei der einzelne Bereiche oder Standorte nacheinander migriert werden. Zuletzt sind umfangreiche Integrations- und Lasttests erforderlich, um Schwachstellen zu identifizieren, bevor sie im laufenden Betrieb zum Problem werden.
Für wen lohnt sich die Ablösung besonders?
Eine strategische Migration auf SAP EWM MFS lohnt sich insbesondere für Unternehmen:
- Mit mehreren automatisierten Standorten: Wenn ein Unternehmen an mehreren Lager- oder Produktionsstandorten Automatisierung einsetzt, lohnt sich eine einheitliche Lösung besonders, weil sie einfacher zu betreiben ist.
- Mit hoher Systemkomplexität: Je mehr Systeme, Sonderlogiken und Schnittstellen im Einsatz sind, desto stärker fällt der Vorteil einer vereinfachten SAP-nahen Lösung ins Gewicht.
- Mit auslaufenden Wartungsverträgen für proprietäre Lösungen: Wenn ein bestehender Hersteller- oder Supportvertrag endet, ist das oft ein guter Zeitpunkt, die Lösung grundsätzlich neu zu bewerten.
- Im Zuge einer S/4HANA-Transformation: Bei einer Umstellung auf S/4HANA bietet sich die Chance, die Systemlandschaft zu modernisieren und unnötige Altsysteme zu reduzieren.
- Mit geplanter Erweiterung oder Modernisierung der Automatik: Wenn neue Anlagenteile, Shuttle-Systeme oder andere Automatisierung ergänzt werden sollen, ist eine standardisierte Architektur meist deutlich einfacher erweiterbar.
Fazit
Die Ablösung einer proprietären MFS-Lösung durch EWM MFS im SAP-Standard ist keine rein technische Entscheidung. Sie ist eine strategische Weichenstellung für die zukünftige Systemarchitektur.
Historisch gewachsene Materialflussrechner erfüllen oft noch ihren Zweck, bringen jedoch langfristige Abhängigkeiten, hohe Komplexität und eingeschränkte Transparenz mit sich.
Die Integration der Materialflusssteuerung in SAP schafft eine konsolidierte, zukunftssichere und wartbare Architektur. Wer seine Intralogistik nachhaltig modernisieren möchte, sollte nicht nur die Mechanik der Anlage betrachten, sondern auch die Systemlandschaft dahinter.
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