Mit dem SAP S/4HANA 2020 Release wurde der Prozess „Advanced Shipping & Receiving“ (ASR) erstmals eingeführt. Ziel ist es, die Integration zwischen SAP Transportation Management (TM) und SAP Extended Warehouse Management (EWM) deutlich zu verbessern.
In unserem vorhergehenden Beitrag zum SAP Advanced Shipping and Receiving, kurz ASR oder auch Adv SR, haben wir eine Einführung in das Thema gegeben. Nun möchten wir uns auf konkrete Anwendungsfälle und Erfahrungen aus der Praxis beziehen und ein Fazit darüber ziehen, wann sich das SAP ASR nun für Unternehmen lohnt – und wann nicht.
Integrationsmöglichkeiten der Transport- und Lagerprozesse
SAP bietet seinen Kunden grundsätzlich zwei Szenarien für die Integration von Lager- und Transportprozessen. Das ist einerseits die bekanntere und damit klassische TU/TE-Integration (Shipping and Receiving) und eben das ASR (Advanced Shipping and Receiving). In folgender Tabelle finden Sie einen Überblick und den Vergleich der beiden Lösungen:
In früheren Releases und der klassischen Integration wurde zwar von einer „direkten Integration“ zwischen TM und EWM gesprochen, technisch lief jedoch vieles weiterhin über asynchrone Schnittstellen (XML/Webservices). Typische Probleme sind dabei:
- Austausch von Beladeterminen über Schnittstellen
- Redundante Objekte wie Transporteinheit (EWM) und Fahrzeug (TM)
- Hoher Abstimmungs- und Customizing-Aufwand
- Häufige Abweichungen vom SAP-Standard in Projekten
Gerade in komplexen Logistiklandschaften führte das regelmäßig zu erhöhtem Implementierungsaufwand.
Mit der Neuerung des ASR wird mit embedded TM und embedded EWM im gleichen S/4HANA-System die Integration grundlegend vereinfacht. Der TM-Frachtauftrag wird nun zum führenden Integrationsobjekt. Dadurch entfallen Webservices und XML-Schnittstellen – beide Anwendungen greifen auf gemeinsame Tabellen zu.
In der nachfolgenden Grafik findet sich hierzu nochmal eine prozessuale Gegenüberstellung der beiden Integrationsmöglichkeiten und welche Objekte dabei wie verwendet werden:

Einschränkungen von ASR
Trotz positiver Entwicklung bestehen etwa folgende funktionale Lücken:
- Teilweise Parallelisierung von TM- und EWM-Prozessen nur eingeschränkt möglich
- Späte Änderungen in TM werden nicht vollständig im EWM berücksichtigt (z. B. Wellenbildung, Torzuordnung)
- Informationsübergabe bis in den Auslieferungsauftrag noch nicht vollständig synchronisiert
- Weitere Detailthemen im Handling und in der Synchronisation
Neben funktionalen Themen gibt es auch projektspezifische Herausforderungen in Implementierung und Customizing. Aber ASR bietet gleichzeitig auch die folgenden Vorteile.
Vorteile von ASR
ASR ist besonders sinnvoll für Unternehmen mit komplexer Transportplanung, multimodalen Transportketten, hoher EWM-Integration, internationalen Versandprozessen und geplanter S/4HANA-Transformation. Wer ohnehin aktuell eine S/4-Transformation noch vor sich hat und plant, sollte ASR strategisch mitdenken – ein späterer Umbau ist deutlich aufwendiger.
Als Vorteile lassen sich folgende Punkte festhalten:
- ASR-Funktionen
Ganz klar: Rentieren wird sich das ASR, wenn das Unternehmen die zuvor aufgezählten ASR-Funktionen benötigt; beispielsweise mehrere Stopps pro Lager und komplexere Szenarien. - Engere Verzahnung von TM, SD/MM und EWM
Für genau die engere Verzahnung der Module und damit der Lager- und Transportprozesse ist das ASR bekannt – einzelne, voneinander abgeschlossene Systeme werden hiermit vermieden, die gezielte Integration aller Systeme gefördert. - Erhöhte Effizienz
Manuelle Eingriffe und Updates werden reduziert, womit auch die Fehleranfälligkeit sinkt und weniger Verzögerungen auftreten. - Reduzierte Datenredundanz
Selbe Informationen nur an unterschiedlichen Stellen und in verschiedenen Datenfeldern? Das wird mit ASR verbessert und redundante Daten werden reduziert. - Bessere Statussynchronisation
Während in der klassischen Integration Statusinformationen lediglich punktuell – typischerweise zu definierten Übergabepunkten – zwischen den Systemen ausgetauscht wurden, setzt ASR auf eine nahezu Echtzeit-Kommunikation.
Status wie „nicht eingecheckt“, „eingecheckt“, „geladen“ oder „ausgecheckt“ werden kontinuierlich synchronisiert. Dadurch kann das Transportation Management bereits vor der eigentlichen Warenausgangsbuchung erkennen, welche Packstücke tatsächlich verladen wurden – und entsprechend reagieren. - Grundlage für weitere Innovationen (z. B. Event-Management, Track & Trace)
Denn SAP positioniert ASR klar als strategische Zielarchitektur. Klassische Integrationsszenarien werden perspektivisch in den Hintergrund treten.
Voraussetzungen für das ASR
Um mit dem erweiterten Warenannahme- und Versandprozess arbeiten zu können, müssen einige Einstellungen erfolgen. Die SAP erläutert diese auf einer SAP-Help-Seite zum Thema. Zusammengefasst ergeben sich Folgende:
- Aktivierung des erweiterten Warenannahme- und Versandprozesses sowie Definition einer Lokation mit dem Lokationsytp 1200 (Ladestelle) in den Lokationsstammdaten
- Den Ladestellen müssen dann Tore aus dem EWM zugeordnet werden
- Im Customizing für das Transport Management finden sich unter dem Punkt „Integration“ diverse Einstellungen für den Prozess
SAP hat in der SAP Note 3225241 auch einen Einrichtungsleitfaden zur Verfügung gestellt, in dem Sie bei Interesse weitere Details nachlesen können.
Wann lohnt sich ASR folglich?
Aus den bereits genannten Einschränkungen, Vorteilen und Voraussetzungen werden Sie sich wahrscheinlich schon eine grobe Meinung gebildet haben. Es ist klar: ASR ist kein Allheilmittel, nicht jedes Szenario profitiert davon direkt und die Integration kann aufwendig ausfallen.
Wenn Ihr Unternehmen jedoch mit embedded TM und EWM arbeitet, redundante Schnittstellen vermeiden möchte, eine eng verzahnte Lager- und Transportsteuerung benötigt (mit mehreren Ladestopps, mehreren Lagern, …) und eine konsolidierte Transportplanung im Frachtauftrag abbilden möchte, dann lohnt die Lösung mit dem Advanced Shipping & Receiving sehr wahrscheinlich.
Wie immer ist jedoch eine kundenindividuelle Bewertung notwendig, um hier sichere Aussagen treffen zu können. Hier werden dann die individuellen Prozesse relevant, die bisher bestehenden Systemlandschaften, die strategischen IT-Vorgaben sowie die geplanten Logistik-Szenarien.
Gut zu wissen: Ein großer Vorteil ist, dass beide Integrationsszenarien parallel in einem System betrieben werden können. Das bedeutet, dass Standorte unterschiedlich angebunden sein können, eine schrittweise Migration möglich ist und eine spätere Umstellung offen bleiben kann. So kann jedes Unternehmen eine individuelle Transformationsstrategie entwickeln, ohne Big-Bang-Risiko.
Weiterentwicklungen beim ASR
Das ASR gilt bisher noch als nicht vollständig ausgereift, aber SAP investiert kontinuierlich in Funktionserweiterungen und Verbesserungen, weshalb ASR als sehr zukunftssicher gilt. Hier werden immer wieder Neuerungen kommen, die die Prozesse optimieren. SAP hat die Komplexität eindeutig erkannt und in der aktuellen Roadmap sind weitere Verbesserungen vorgesehen. Dazu gehören etwa die frühere HU-Datenübermittlung (auch in der Transporteinheiten-basierten Integration) und die technische Voraussetzungen für Side-by-Side-Szenarien in ASR. Die Integration entwickelt sich also weiter – ist aber noch nicht vollständig vereinheitlicht.
Im Roadmap Explorer können Sie auch die aktuell eingeplanten Neuerungen zum ASR Prozesseinsehen.
Typische Stolpersteine aus Projekten
Falls Sie sich nun entscheiden, das ASR bei sich einzuführen, sollten Sie wie bei jedem anderen Projekt die möglichen Risiken und vor allem die klassischen Stolpersteine beachten. Aus unserer Erfahrung treten bei ASR-Einführungen häufig folgende Punkte auf:
- Bestehende Erweiterungen kollidieren mit neuer Logik: Eigenentwicklungen in der Liefererstellung oder BAdIs im TM müssen neu bewertet werden. Nun stehen andere Logiken, Belege und Objekte hinter ähnlichen Abläufen; diese müssen frühzeitig bedacht und eingestellt werden.
- Fehlendes Prozessverständnis: ASR ist kein reines IT-Projekt – wenn Fachbereiche nicht früh eingebunden werden, entstehen schnell Akzeptanzprobleme, da Prozesse ggf. nicht mehr praxistauglich ablaufen. Wie in den meisten unserer Projekte empfehlen wir daher eine frühzeitige Integration der Fach-User.
- Unterschätzter Testaufwand: Durch die veränderte Dokumentenlogik ändern sich auch Statusflüsse, Buchungszeitpunkte und Fehlerbilder. Ein sauber aufgesetztes Testkonzept ist – wie so oft – entscheidend. Mit ASR sind nochmal deutlich mehr Status vorhanden. Hier sollte gut getestet werden, wann welcher Status gesetzt wird und was dieser auslöst.
Wissensdurst noch nicht gestillt? Weitere SAP-Quellen für Sie
Unser Grundlagen-Beitrag zum Thema ASR hat Ihnen noch nicht ausgereicht, und Sie möchten noch tiefer in verschiedene Bereiche eintauchen? Dann empfehlen wir Ihnen noch folgende Seiten der SAP:
- Erweiterter Warenannahme- und Versandprozess im Überblick (SAP Help)
- End-to-End-Prozess (E2E) für ASR (SAP Help)
- Voraussetzungen für die Integration mit ASR (SAP Help)
- „Cookbook“ und Best Practice Szenario für SAP ASR (SAP Notes)
- Einrichtungsleitfaden für SAP ASR (SAP Notes)
Fazit
ASR ist noch nicht perfekt – aber klar strategisch ausgerichtet und produktiv einsetzbar. Für Unternehmen, die TM und EWM enger verzahnen möchten, End-to-End-Transparenz anstreben und langfristig auf eine moderne S/4HANA-Architektur setzen, stellt ASR eine zukunftsfähige Integrationsoption dar.
Trotz bestehender funktionaler Lücken und Optimierungspotenziale überwiegen die Vorteile von Advanced Shipping & Receiving deutlich. ASR reduziert Datenredundanz, integriert Lager- und Transportprozesse enger und schafft eine einheitliche End-to-End-Sicht.
Damit ist die Lösung inzwischen produktiv einsetzbar und bildet eine zukunftsfähige Grundlage für transparente und integrierte Logistikprozesse. Ein Umstieg oder eine Neueinführung kann sich daher lohnen – insbesondere mit Blick auf die kontinuierliche Weiterentwicklung durch SAP.
Falls Sie hier Unterstützung benötigen, bieten wir diese gerne – besonders aus EWM-Sicht!
In unserem dritten Beitrag zum Thema ASR werden wir abschließend auf die verschiedenen Apps im ASR-Umfeld eingehen und zeigen, wie wir die Thematik in den FLEXUS-eigenen Apps umgesetzt haben. Bleiben Sie also dran und besuchen Sie unseren Blog bald wieder!
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