SAP Best Practices: Mehrwert und Empfehlungen für EWM-Projekte

Flexus Redaktion

30. April 2026

In unseren vergangenen Beiträgen haben wir bereits über die SAP Best Practices im EWM-Umfeld berichtet: von einem ersten Überblick über Potenziale und Grenzen bis hin zu unseren eigenen praktischen Erfahrungen. Im dritten Teil dieser Reihe gehen wir noch tiefer in die Analyse und teilen unsere Erkenntnisse und Empfehlungen zu den SAP Best Practices in EWM-Implementierungsprojekten.

Die Untersuchung

Im Rahmen einer Bachelorarbeit in Zusammenarbeit mit einem Studenten der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt sind wir einer Kernfrage nachgegangen: Erhöhen SAP Best Practices den Mehrwert in EWM-Implementierungsprojekten und welche Einsatzempfehlungen lassen sich ableiten?

Um diese Frage fundiert zu beantworten, wurde auf zwei Ebenen geforscht: Zum einen wurden leitfadengeführte Interviews mit fünf erfahrenen SAP EWM-Beratern geführt, darunter Berater der Flexus AG sowie weiterer Unternehmen. Zum anderen wurden Best-Practice-Systeme direkt untersucht und die Aktivierungslogik analysiert.

Was SAP Best Practices wirklich leisten und wo ihre Grenzen liegen

Aktivierung nur auf Clean Client

Best Practices sind ursprünglich für Greenfield-Projekte vorgesehen und können lediglich auf „sauberen“ Mandanten (Clean Client) aktiviert werden, da die benötigten Inhalte in die entsprechenden Customizing-Tabellen übernommen werden. Vorhandene Einträge würden, sofern sie nicht durch die Aktivierung überschrieben werden, bestehen und können möglicherweise in Konflikt mit der Best-Practice-Konfiguration stehen.

Solide Basis für Kernprozesse

Die Best Practices bilden die Kernprozesse eines manuellen Lagers übersichtlich und realistisch ab. Insbesondere die Bereiche Wareneingang und Warenausgang decken schätzungsweise 80-90 % der gängigen Anforderungen ab. Gerade für diese Prozesse, die in der physischen Ausprägung immer sehr ähnlich ablaufen, eignen sich die Best Practices als Grundlage, um darauf aufbauend individuelle Anforderungen umzusetzen.

Für Prozesse mit hochgradig kundenindividuellen Ausprägungen, wie der Produktionsintegration oder der Inventur, empfiehlt es sich, die Prozesse initial kundenindividuell aufzusetzen. Hier liefern die Best Practices lediglich ein Demonstrationsbeispiel. Die Umsetzung des Nachschubprozesses in die verschiedenen Kommissionierbereiche wird besonders positiv hervorgehoben. Daneben lobten die Berater die ausgeprägte Stammdatentiefe und die ausführliche Dokumentation der Best Practices.

Wo der Umfang an Grenzen stößt

Trotz der positiven Bewertung identifizierte die Untersuchung auch Grenzen des Umfangs. Funktionen wie die Integration von Serialnummern, Gefahrgutabwicklung, logistischer Zusatzleistungen oder Kitting-Prozessen fehlen im aktuellen Umfang. Zudem ist kein Beispiel für automatisierte Lager vorhanden. Für die Integration in das Modul PP werden neben einem Beispiel für die erweiterte Produktionsintegration für die diskrete Fertigung keine weiteren Versorgungsvarianten (wie Kanban oder lieferbasiert) und Fertigungsarten (wie die Prozessfertigung) angeboten.

Der wahre Mehrwert: Einsatzmöglichkeiten – weit mehr als nur Konfiguration

Der größte Mehrwert liegt nicht in der direkten Übernahme in das Produktivsystem, sondern in drei Anwendungsfeldern:

  • Vertrieb (Demonstration): Schnelle Präsentation lauffähiger Standardprozesse inklusive Demodaten und ausführlicher Dokumentation.
  • Fortbildung: Ideale Basis für EWM-Neulinge (Kunden, Anwender, Junior-Berater), um grundlegende EWM-Prozesse mithilfe der Testskripte im System zu erkunden.
  • Prozessimplementierung: Grundstruktur für manuelles Lager – besonders für kleinere Kunden geeignet, um EWM schneller in grundlegenden Zügen einzuführen.

Unsere Handlungsempfehlungen für Ihr Unternehmen

Basierend auf den Ergebnissen empfehlen wir einen Dreistufenplan zur praktischen Umsetzung der Einsatzmöglichkeiten.

Stufe 1: Aufbau einer internen Best-Practice-Systemlandschaft

Um die verschiedenen Einsatzmöglichkeiten praktisch zu ermöglichen, empfiehlt sich eine Architektur mit mehreren Best-Practice-Mandanten. Diese beinhaltet einen „Golden Best Practice Client“ als reine Kopiervorlage für weitere Mandanten, einen „Best-Practice-Only Client“ für Demos und einen „Best Practice Sandbox Client“ für Tests. Optional ist die Einrichtung eines „Extended Best Practice Clients“ mit eigens entwickelten und getesteten Erweiterungen der Best Practices möglich.

Stufe 2: Nutzung für Vertrieb und Ausbildung

Sobald das System stabil läuft, kann der Best-Practice-Only Client für Vertriebsaktivitäten (Demonstrationen, Workshops) sowie zu Fortbildungszwecken eingesetzt werden. Parallel dazu können die Berater die Best Practices auf diesem Mandanten erkunden und ergänzendes Customizing im Sandbox Client vornehmen und testen. In dieser Phase ist der Wissensaufbau entscheidend, um gut auf den Einsatz von Best Practices in Kundenprojekten vorbereitet zu sein.

Stufe 3: Einsatz in EWM-Implementierungsprojekten – bedingt möglich

Aufgrund der Integration in das ERP-System und zum Schutz bestehender Organisationsstrukturen sowie des vorhandenen Customizings ist davon abzuraten, die Best Practices in EWM-Implementierungsprojekten direkt in einem Kundensystem zu aktivieren. Dennoch können die Best Practices als Referenz in der Designphase oder als grundlegende Konfiguration für ein neu einzurichtendes Lager verwendet werden. Das dafür benötigte Customizing kann anhand der Building-Block-Logik leicht identifiziert werden. Eine Fit-Gap-Analyse kann dabei helfen zu beurteilen, ob Best Practices für einen konkreten Anwendungsfall infrage kommen. Ein besonders großer Nutzen in Form von beschleunigter und kostengünstiger Einführung wird speziell für kleinere Kunden mit einfachen Strukturen und einem manuellen Lager erwartet.

Fazit

SAP Best Practices sind kein Ersatz für erfahrene EWM-Beratung, aber ein wertvolles Werkzeug, wenn man weiß, wie man sie einsetzt. Sie bilden die Kernprozesse in SAP EWM für ein manuelles Lager übersichtlich ab. Das umfangreiche Prozessangebot ist für Best Practices angemessen und verfügt über eine ausgeprägte Stammdatentiefe sowie eine ausführliche Dokumentation. Der echte Mehrwert von SAP Best Practices zeigt sich in der Nutzung als Demonstrations-, Schulungs- und Referenzsystem in den Bereichen Vertrieb, Fortbildung und Prozessimplementierung, wobei besonders im Bereich Prozessimplementierung einige Einschränkungen zu beachten sind.

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