Top 5 Gründe, warum EWM-MFS-Projekte scheitern

Flexus Redaktion

24. April 2026

EWM-MFS-Projekte gehören zu den anspruchsvollsten Vorhaben im Bereich der Intralogistik. Hier treffen IT-Systeme, Automatisierungstechnik, Materialflusssteuerung und operative Logistikprozesse aufeinander. Die Komplexität ist hoch und genau deshalb scheitern Projekte immer wieder oder bleiben deutlich hinter den Erwartungen zurück.

Aus unserer Projekterfahrung heraus zeigen sich immer wieder ähnliche Ursachen. Hier sind die Top 5 Gründe, warum EWM-MFS-Projekte scheitern und worauf Sie unbedingt achten sollten.

1. Schlechte oder unklare Schnittstellendefinition zwischen SAP EWM und der SPS

Die Schnittstelle zwischen SAP EWM MFS (Materialflusssystem) und der SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung) ist das Herzstück jedes Automatikprojekts. Und genau hier entstehen viele Probleme.
Typische Schwachstellen sind:
  • Unklare Telegrammstrukturen
  • Fehlende Definition von Pflicht- und Kann-Feldern
  • Nicht sauber abgestimmte Quittierungslogiken
  • Unterschiedliche Interpretationen von Statuscodes
  • Kein einheitliches Fehler-Handling
  • Inkonsistente Nummernkreise oder Identifikationen

Oft wird die Schnittstelle „nebenbei“ definiert – in Workshops, per Excel oder anhand alter Projekte. Was dabei fehlt, ist eine präzise, versionierte und verbindliche Schnittstellenspezifikation.

Die Folge:
  • Hoher Abstimmungsaufwand im Integrationstest
  • Viele Iterationen zwischen dem SPS- und dem SAP-Team
  • Unklare Fehlerursachen bei Problemen
  • Zeitverlust kurz vor dem Go-Live

Gerade im MFS-Umfeld wirken sich selbst kleine Unstimmigkeiten massiv aus, da sie jede physische Bewegung betreffen.

Erfolgsfaktor: Definieren Sie frühzeitig eine technisch saubere und vollständig dokumentierte Schnittstellenspezifikation. Achten Sie darauf, dass dabei der Telegrammfluss, die Zustandsdefinitionen und die Fehlercodes eindeutig dargestellt werden.

2. Unterschätzte Komplexität des Materialflusses

Ein Fördertechniklayout sieht auf dem Papier oft simpel aus. In der Realität jedoch entstehen komplexe Abhängigkeiten:
  • Parallelfahrten
  • Engstellen
  • Pufferstrategien
  • Deadlocks
  • Sonderrouten
  • Priorisierungen
  • Störfallstrategien

Wird der Materialfluss nur oberflächlich konzipiert, zeigt sich die wahre Komplexität spätestens im Integrationstest – oder noch schlimmer: im Go-Live.

Erfolgsfaktor: Denken Sie den Materialfluss ganzheitlich. Berücksichtigen Sie dabei auch Ausnahme- und Störprozesse, statt nur den „Happy Path“ zu modellieren.

3. Zu späte oder unzureichende Tests

Ein Klassiker: Die SPS ist fertig, EWM ist konfiguriert, getestet wird „am Ende“.

Gerade bei MFS-Projekten ist das hochriskant. Viele Probleme treten erst unter Last oder im Zusammenspiel mehrerer Anlagenbereiche auf. Dazu zählen:
  • Telegrammstaus
  • Timing-Probleme
  • Timeout-Szenarien
  • Performance-Engpässe
  • Blockierende Ressourcen

Wer ausschließlich mit Einzeltests arbeitet und auf Massentests verzichtet, testet nicht unter Realbedingungen. Dadurch steigt das Risiko, dass im Echtbetrieb unerwartete Schwierigkeiten auftreten.

Erfolgsfaktor: Testen Sie frühzeitig mithilfe von Simulationen und Emulationen. Führen Sie anschließend Integrationstests unter realen Bedingungen durch, einschließlich Volllast- und Störszenarien.

4. Fehlende Performance- und Skalierungsbetrachtung

Ein Lager funktioniert technisch, aber erreicht nicht die geplante Durchsatzleistung.

Häufige Ursachen dafür sind:
  • Suboptimale Ein- und Auslagerstrategien
  • Serielle statt parallele Prozesslogik
  • Unzureichendes Ressourcenmanagement
  • Engpässe in kritischen Anlagenteilen

Oft wird nur geprüft, ob Prozesse „laufen“ – nicht, ob sie performant genug sind. Gerade in automatisierten Lagern entscheidet jedoch die Performance über die Wirtschaftlichkeit.

Erfolgsfaktor: Definieren Sie Performance-Ziele messbar und testen Sie diese systematisch gegen die reale Systemleistung.

5. Unklare Prozess- und Störfallstrategien

Viele EWM-MFS-Projekte starten, bevor die logistischen Zielprozesse vollständig und verbindlich definiert sind. Gleichzeitig werden Stör- und Ausnahmefälle oft nur am Rande betrachtet – nach dem Motto: „Das klären wir später.“

Typische Aussagen zu Projektbeginn:
  • „Das detaillieren wir während der Implementierung.“
  • „Die Anlage kann das.“
  • „So ähnlich wie im bisherigen Lager.“

Gerade im Zusammenspiel zwischen SAP EWM und MFS ist das hochriskant. MFS steuert keine abstrakten Prozesse, sondern reale physische Bewegungen. Jede Unklarheit wirkt sich direkt auf Materialfluss, Telegrammlogik und Anlagenverhalten aus.

Fehlende oder unvollständige Definitionen führen später zu:
  • nachträglichen Anpassungen in der Materialflusslogik
  • zusätzlichen Telegrammtypen
  • komplexen Sonderbehandlungen
  • unnötigen Workarounds
  • Verzögerungen im Integrationstest
Besonders kritisch sind dabei nicht nur Standardprozesse, sondern vor allem Ausnahme- und Störfälle. Zum Beispiel:
  • Ausfall eines Regalbediengeräts
  • Kommunikationsabbruch zur SPS
  • Voll belegte Pufferbereiche
  • Fehlende Ausweichrouten
  • Konkurrenzsituationen bei Fahraufträgen
  • Gesperrte Lagerplätze oder Ressourcen

Wenn solche Szenarien erst im Echtbetrieb auftreten und keine klaren Regeln definiert sind, entsteht operative Unsicherheit. Im schlimmsten Fall kommt es zu Stillständen oder ineffizienten manuellen Eingreifen.

Ein stabiles MFS-Projekt erkennt man nicht daran, dass keine Störungen auftreten – sondern daran, dass mit auftretenden Störungen und geplanten Wartungen kontrolliert und strukturiert umgegangen werden kann.

Erfolgsfaktor: Bevor Sie mit der MFS-Implementierung starten: Denken Sie Ihre logistischen Zielprozesse inklusive Ausnahme-, Priorisierungs- und Störprozesse fachlich durch, dokumentieren und stimmen Sie diese ab. What-if-Szenarien gehören nicht ans Projektende, sondern an den Anfang.

Fazit

SAP EWM-MFS-Projekte scheitern selten an der Technik allein. In den meisten Fällen sind es fehlende Struktur, unterschätzte Komplexität und unzureichende Tests, die Projekte ins Wanken bringen.

Die Schnittstelle muss sauber definiert sein. Der Materialfluss muss ganzheitlich gedacht werden. Tests müssen realistisch und unter Last stattfinden. Performance darf nicht dem Zufall überlassen werden. Und Prozesse – insbesondere Ausnahme- und Störfälle – müssen vor der Implementierung durchdacht sein.

Adressieren Sie diese Punkte frühzeitig, um Projektrisiken signifikant zu reduzieren und die Grundlage für einen stabilen und leistungsfähigen Anlagenbetrieb zu schaffen.

Ein erfolgreiches MFS-Projekt entsteht nicht durch Optimismus, sondern durch Struktur, Transparenz und konsequente Tests unter realistischen Bedingungen. Am Ende entscheidet nicht, ob eine Anlage theoretisch funktioniert, sondern ob sie unter realen Bedingungen stabil, performant und beherrschbar bleibt.